Wie testet man die Darmflora

Unser Darm ist unser zweites Gehirn und als solches immer öfter Thema. Die Darmflora beeinflusst nicht nur den Zustand unseres Körpers, sondern auch unsere Stimmung. Ein sehr zuverlässiger Test zeigt nunmehr, wie es um unsere Darmflora steht. Ein Interview mit Gesundheitscoach Monique Schweitzer.

Monique Schweitzer, möchten Sie uns Ihren Ansatz vorstellen?

Ich arbeite seit 1994 als Reflexologin und habe am Institut Hippocrates in Florida eine Ausbildung zu lebendiger Ernährung mitgemacht, wo ich auch meinen Abschluss als Gesundheitscoach erhalten habe. Danach habe ich den Ansatz des Dr. Bruno Donatini kennengelernt. Es handelt sich hierbei um einen Ansatz, der es einem erlaubt, in die Tiefe zu gehen, und der meine eigene Herangehensweise ergänzt. Aufgefallen ist mir nämlich, dass es den Patienten, die wegen ihrer Verstopfung oder aufgrund von Ischiasproblemen zu mir kamen, zwar kurzzeitig besser ging, dass dieses neue Wohlbefinden jedoch nicht anhielt. Irgendetwas war da stärker. Was das war, habe ich verstanden, als ich mich mit den Arbeiten des Dr. Donatini zum Einfluss der Darmflora auf die Verdauung beschäftigt habe. Für die Verstopfung meiner Patienten war die Darmflora verantwortlich, die deswegen auch bevorzugt behandelt werden musste.

Wie testet man die Darmflora?

Wichtig ist zunächst, den Zustand seiner Darmflora zu kennen. Dr. Bruno Donatini hat hierfür einen Atemtest entwickelt. Atemtests werden in der Medizin schon seit den 1960er-Jahren verwendet. Bei dem Gerät, das wir heutzutage benutzen, handelt es sich um einen Gassensor, der Partikel bis auf das zehnte Millionstel genau misst. Konzipiert wurde dieser Apparat ursprünglich zum Aufspüren von giftigen chemischen Gasen. Dr. Donatini hat ihn dann so verändert, dass er damit fünf bestimmte Gase analysieren kann.

Zu Gärungen im Darm kommt es durch verschiedene Bakterienfamilien. Durch diesen Test gelingt es, zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Momentaufnahme dieser Bakterienfamilien zu bekommen.

Durchgeführt wird der Test auf nüchternen Magen. Anschließend trinkt der Patient ein süßes Getränk auf Honigbasis. Dann wartet man eineinhalb Stunden und wiederholt den Test, so dass man feststellen kann, wie der Zucker sich verhält, und sieht, ob er aufgenommen wird. Manche Bakterien fressen den Zucker nämlich, d. h. er kann vom Organismus nicht assimiliert werden. Während sie dies tun, produzieren sie bestimmte Gase.

Manche Bakterien sind außerdem aktiv, wenn wir nüchtern sind. Dies bedeutet, dass sie sich von unseren Schleimhäuten ernähren, wodurch Wasserstoff erzeugt wird. Daher auch eine Entzündung im Dünndarm.

Welche Rolle kommt der Darmflora zu?

Im Colon sind Bakterien sozusagen die Sickergrube. Wenn man mehr isst, als man braucht, kümmern sie sich um die Abfälle. 90 % der Bakterien befinden sich im Colon. Dem Colon kommt auch eine soziale Rolle zu. Enten z. B. besitzen keinen Colon. Bei ihnen kommt es sofort nach einer Mahlzeit zu Ausscheidungen. Bei uns ist dies nicht der Fall, da wir einen Colon haben, in dem die Umwandlung von Abfällen zu einem großen Teil vonstattengeht.

Die Mehrheit der Bakterien, die wir in unserem Körper haben, befindet sich also im Colon. Problematisch ist jedoch, dass wir mit der Zeit Bakterien im Magen haben können. So besitzen heutzutage 80 % der Erwachsenen eine Flora im oberen Teil ihres Verdauungssystems (Dünndarm und Magen) und dies schon ab einem Alter von 35 bis 40 Jahren, was zu Verdauungsstörungen führt. Ein Zeichen hierfür ist, wenn man morgens keinen Hunger hat. Dies bedeutet nämlich, dass der Magen nicht leer ist. Bei einer korrekten Verdauung leert sich der Magen jedoch alle zwei Stunden…

Wird Zucker nur schlecht absorbiert, wird er im Magen zu Alkohol und Essig umgewandelt. Dadurch entsteht ein Essigsatz, in dem insbesondere Lebensmittel, wie Salate, Zerealien und Hülsenfrüchte, gären. Dies wiederum führt u. a. zu Reflux, zu Schmerzen oberhalb des Bauchnabels, zu Gastritis, Übersäuerung, Ösophagitis und einer Reizung der Atemwege.

Dr. Bruno Donatini hat außerdem entdeckt, dass der Zwölffingerdarm sich in seinem dritten Abschnitt verengt, da er dort von zwei Arterien wie in die Zange genommen wird. Sein Durchmesser verkleinert sich an dieser Stelle von 15 Millimeter auf nur 3 bis 4 Millimeter, d. h. er reduziert sich auf ein Drittel bis ein Viertel. Diese Art Flaschenhals jedoch begünstigt eine Magenentleerungsstörung. Hat die aufgenommene Nahrung nämlich Probleme, durch diesen Abschnitt zu kommen, sind Blähungen und Schmerzen v. a. an der rechten Seite unter den Rippen die Folge. Glücklicherweise können Osteopathen und Reflexologen auf diese “Zange” einwirken und die Wirksamkeit der Behandlung dann an einem Atemtest überprüfen. Nach einer Vergrößerung der Verengung passen die Lebensmittel besser durch und die Probleme verschwinden langsam.

Welche Bakterienfamilien erweisen sich als problematisch?

Es gibt drei große Bakterienfamilien:

Bakterien mit einer schnellen Gärung, die auf eine schlechte Verdauung von Zucker zurückzuführen sind und die – wie schon vorher erwähnt – Wasserstoff erzeugen. Dazu ist zu sagen, dass wir Zucker mit zunehmendem Alter schlechter verdauen. Wir sollten davon also weniger zu uns nehmen, weil sich diese Bakterien sonst vermehren. Im Colon kann diese Gärung zu Schmerzen und geruchlosen Gasen führen. Die Herstellung von Methylacetat im Magen führt wiederum im Magen zu einer Stauung sowie zu einem Bakterienfilm im Zwölffingerdarm.

Als nächstes haben wir die Methanbildner, bei denen es sich um Bakterien handelt, die andere Bakterien fressen. In diesem Ökosystem gilt: Je mehr Schafe man hat, desto mehr Wölfe zieht man an… Die Folge sind ein schlecht riechender Atem und Winde. Der schlecht riechende Atem ist hier auf den Colon zurückzuführen. 80 % der Gase, die bei der Verdauung entstehen, entweichen nämlich in die Lungen.

Wiederum andere Bakterienstämme befinden sich im Sigmoid. Auch diese Bakterien fressen andere Bakterien und erzeugen schwefelhaltige Gase. Ein deutliches Zeichen hierfür ist ein schwefelhaltiger Atem. Nun ist es so weit, dass Dinge im Organismus blockiert werden und es zu Verstopfung, Müdigkeitserscheinungen, ja sogar Depressionen kommt. L-Tryptophan, eine Vorstufe des Glückshormons Serotonin, das auf unsere Stimmung, unsere Ängstlichkeit, unseren Appetit und unseren Schlaf regulierend einwirkt, wird von diesen Bakterien vernichtet, ohne dass Serotonin hergestellt werden kann.  Da der Colon 80 % des Serotonins herstellt, kann dies sehr leicht zu Problemen führen. Bei einem Mangel an Serotonin kommt es nämlich sowohl zu körperlichen als auch zu geistigen Erschöpfungszuständen. Zwischen unserer Verdauung und unserer geistigen Gesundheit besteht also ein sehr enger Zusammenhang.

Was passiert, wenn man festgestellt hat, welche Bakterienfamilien vorhanden sind?

Wir setzen dann an drei verschiedenen Punkten an:

Zuallererst natürlich bei der Ernährung. Die Personen, bei denen es aufgrund von Zucker zu Gärungen kommt, müssen dessen Verbrauch einschränken. Es macht keinen Sinn, Zucker zu konsumieren, den man nicht absorbiert.

Wir arbeiten auch an der Verdaubarkeit von Lebensmitteln. Lebensmittel, die stark gären, wie Zerealien, Hülsenfrüchte und manche Salate, sind zu vermeiden.

Der nächste Punkt ist die Bewegung. Menschen waren ursprünglich Nomaden, Jäger und Sammler. Wer eine Trainingseinheit einlegt, die ihn außer Atem kommen und schwitzen lässt, leert seinen Magen. Der Körper holt sich nämlich das Wasser, das sich noch in seinem Magen und seinem Krummdarm (Ileum) befindet. Mit genügend Sport erzeugt man dasselbe Ergebnis wie nach drei Tagen Fasten, heißt: Man leert seinen Magen.

Dann ist da noch die Mykotherapie. Die Mykotherapie setzt das Mycel, d. h. den Körper bestimmter Pilze ein. Auch die Rinde von bestimmten Bäumen sowie ätherische Öle in Mikrodosierung kommen zum Einsatz und gehen gegen ein Zuviel an Bakterien oder Viren vor. Welche Mycelien man wählt, hängt u. a. vom Typ der vorherrschenden Bakterien ab. Durch all diese Maßnahmen erreicht man, dass der gastrokolische Reflex einsetzt, d. h. dass die Verdauung in Bewegung kommt. Wenn der Magen leer ist, kann der Colon gut arbeiten. Ist dies jedoch nicht der Fall, geht alles langsamer…

Sie haben vorher Salate erwähnt. Ist es keine gute Idee, Rohkost zu essen?

Es geht nicht darum, ganz auf Salat zu verzichten, sondern den Verzehr von Salat in manchen Fällen einzuschränken. Wer gekochtes Gemüse isst, erzeugt weniger Zucker und damit auch weniger Gärung. Trotzdem bietet eine lebendige Ernährung viele nicht zu leugnende Vorteile. Es gilt also herauszufinden, welche rohen Lebensmittel sich für wen eignen. Das Problem ist nämlich nicht die Rohkost an sich, sondern der Zucker, der in rohen Lebensmitteln vorhanden ist. Aus diesem Grund kann es besser sein, Gemüse zu blanchieren oder zu vitalisieren, um es leichter verdaulich zu machen. Kreuzblütler (Kohl, Brokkoli usw.) z. B. führen bei manchen Personen zu starken Gärungen. Daher sollte man davon zunächst nur wenig essen oder aber blanchieren. In der lebendigen Ernährung verändern wir die Natur der Lebensmittel, der Samen und der Hülsenfrüchte, bevor wir sie zum Keimen bringen. Wir bewahren alle ihre Phytohormone, Enzyme, Phytonährstoffe sowie den Sauerstoff des Chlorophylls. Die Keimung verlangsamt den Zucker der Samen, erhöht den Gehalt an Aminosäuren und führt zu einer besseren Verdaubarkeit.

Egal, ob man Rohkost isst oder nicht: Es geht darum, für sich eine Ernährung zu finden, die die FODMAP (fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide sowie Polyole) begrenzt. Entwickelt wurde das FODMAP-Konzept vor etwa zehn Jahren in Australien. Rohe Äpfel z. B. sind nur schwer verdaulich, da sie stark gären. Rettich, Avocados und Salatgurken dagegen können besser verdaut werden.

Personen, bei denen man eine starke Gärung feststellt, sollten den Verzehr von Rohkost einschränken. Wenn ihre Darmflora jedoch wieder im Gleichgewicht ist, können Sie wieder Rohkost essen und ihrem Organismus damit viel Gutes tun. Da jeder über eine andere Darmflora verfügt, ist jeder Fall anders zu behandeln.

Zusammenfassend würde ich sagen: Wer keine Bakterien im Mund hat, aber einen Magen, der sich leert, und wer zudem über eine gute Absorbtion von Zucker im Zwölffingerdarm verfügt, bringt alle Voraussetzungen für das Essen von Rohkost mit. Vermieden werden sollten jedoch die FODMAP, d. h. die fermentierbaren Saccharide.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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